Wer an das Tote Meer denkt, hat oft Bilder von entspannten Touristen und heilendem Schlamm im Kopf. Die Marke Ahava hat diese Vorstellung weltweit in ein lukratives Geschäftsmodell verwandelt. Doch hinter den Cremedosen mit der Aufschrift „Dead Sea Minerals“ verbirgt sich eine komplexe politische Realität. Die Produkte sind untrennbar mit der israelischen Besatzung der Westbank verknüpft. Es geht hier nicht nur um Kosmetik, sondern um den Zugriff auf Ressourcen in einem umstrittenen Gebiet.
Wie die Natur zur Ware wird
Das Geschäftsmodell von Ahava basiert auf einer einfachen Logik: Die natürlichen Rohstoffe des Toten Meeres werden extrahiert, veredelt und global verkauft. Lange Zeit befand sich die Hauptproduktionsstätte direkt in der Siedlung Mitzpe Shalem, die völkerrechtlich im besetzten Westjordanland liegt. Auch wenn Teile der Produktion verlagert wurden, stammen die wesentlichen Inhaltsstoffe weiterhin aus diesem Gebiet.
Die Produktpalette stützt sich auf drei Hauptressourcen:
- Mineralsalze, die für ihre hautpflegenden Eigenschaften bekannt sind.
- Schwarzer Schlamm, der direkt an den Ufern abgebaut wird.
- Wasser, das in den Wüstenregionen ein rares und umkämpftes Gut ist.
Diese Ressourcen werden unter israelischer Militärverwaltung gewonnen. Palästinensische Unternehmen haben hingegen kaum Möglichkeiten, diese Naturschätze selbst zu nutzen oder touristisch zu erschließen.
Ein Markt, zwei Realitäten
Die wirtschaftliche Ungleichheit am Toten Meer ist kein Zufall, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger Politik. Während israelische Unternehmen wie Ahava von staatlich geförderter Infrastruktur und Genehmigungen profitieren, stehen palästinensische Gemeinden vor verschlossenen Türen. Ihnen wird einfach militärisch der Zugang zum Ufer verwehrt, und durch bürokratische Hürden sowie den Vorwand fehlender vermeintlicher Lizenzen wird ihnen der Bau eigener Anlagen und die wirtschaftliche Nutzung ihres Landes unmöglich gemacht.
Laut Berichten der Weltbank entgehen der palästinensischen Wirtschaft jährlich Milliardenbeträge, weil sie keinen Zugriff auf die Ressourcen im sogenannten C-Gebiet der Westbank hat. Ahava ist der direkte Nutznießer dieser Sperrpolitik.
Die Siedlungspolitik schafft somit einen exklusiven Wirtschaftsraum. Straßen, Stromleitungen und Wasserversorgung sind primär auf die Bedürfnisse der Siedlungen und ihrer Industrien ausgerichtet. Für die ansässige palästinensische Bevölkerung bleibt die Wertschöpfung aus ihrem direkten Umfeld unerreichbar. Sie sind Zuschauer auf ihrem eigenen Land, während internationale Konzerne die Gewinne exportieren.
Völkerrecht und der Vorwurf der Plünderung
Juristisch betrachtet bewegt sich die Nutzung dieser Rohstoffe auf dünnem Eis. Organisationen wie Al-Haq oder Who Profits argumentieren, dass der Abbau von Bodenschätzen durch eine Besatzungsmacht gegen internationales Recht verstößt. Die Haager Landkriegsordnung erlaubt einer Besatzungsmacht zwar die Verwaltung, nicht aber die Ausbeutung von Ressourcen für den eigenen wirtschaftlichen Vorteil.
Der Begriff „Pillage“ (Plünderung) steht im Raum. Er bezeichnet die widerrechtliche Aneignung von Eigentum in bewaffneten Konflikten. Da das Westjordanland und das nördliche Ufer des Toten Meeres international als besetztes Gebiet gelten, argumentieren Völkerrechtler, dass die Mineralien dem dort lebenden Volk gehören – den Palästinensern. Jeder Behälter Creme, der in den Export geht, enthält somit einen Teil dieses entzogenen Eigentums.
Kosmetische Korrekturen durch Umzug
In den letzten Jahren wuchs der internationale Druck auf Ahava. Die EU führte Kennzeichnungspflichten für Waren aus Siedlungen ein, und Boykottbewegungen machten die Herkunft der Produkte zum Thema. Als Reaktion darauf verlegte das Unternehmen seine Fabrik in ein Gebiet innerhalb der international anerkannten Grenzen Israels.
Doch Kritiker bezeichnen diesen Schritt als reines „Greenwashing“ der Herkunft:
- Die Rohstoffe stammen weiterhin größtenteils aus dem besetzten Gebiet.
- Die Gewinne fließen weiterhin in ein System, das die Besatzung stützt.
- Der Zugang für Palästinenser bleibt weiterhin blockiert.
Der Standort der Fabrik hat sich geändert, das Prinzip der Ressourcenaneignung ist geblieben. Für den bewussten Verbraucher bedeutet das: Ein Blick auf das Etikett reicht oft nicht aus, um die ganze Geschichte zu verstehen.
Die Verantwortung reicht bis ins Badezimmer
Der Fall Ahava zeigt exemplarisch, wie eng Wirtschaft und Besatzung miteinander verwoben sind. Es ist nicht möglich, die wirtschaftliche Tätigkeit von der politischen Situation vor Ort zu trennen. Wer diese Produkte kauft, finanziert indirekt den Status quo und die fortlaufende Nutzung besetzten Landes.
Verbraucher haben Macht durch Boykott. Die Entscheidung für oder gegen ein Produkt sendet ein Signal an Händler und Hersteller. Transparenz ist der erste Schritt, um zu verstehen, dass in einer Tube Handcreme oft mehr steckt als nur Feuchtigkeit – nämlich die Frage, wem die Natur eigentlich gehört.